Schüsse in Essen: Anschlag schürt Angst vor neuer Blutfehde zwischen Libanesen-Clans

In Essen geht die Angst um. Einer oder mehrere bislang unbekannter Heckenschützen haben am Montagabend hinterrücks auf ein libanesisches Paar im Stadtteil Huttrop geschossen. Die Schüsse kamen aus dem Nichts, als 18.15 Uhr die 38-jährige Frau mit ihrem 44-jährigen Lebensgefährten spazieren ging. Das Paar wurde nicht verletzt und konnte sich in einem Haus in Sicherheit bringen.essen

 

Essen ist in der Vergangenheit bereits mehrfach Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen libanesischen Clans gewesen. Ob der Anschlag vom Montagabend in Zusammenhang mit Clan-Fehden stehe, wollte Essens Polizeisprecher Peter Elke weder bestätigen noch dementieren. „Das können wir zurzeit noch nicht sagen. Es gibt viele Möglichkeiten, vielleicht auch ein Motiv, das überhaupt nichts damit zu tun hat“, sagte er auf Anfrage FOCUS Online.

Aus ermittlungstaktischen Gründen machte Elke keine näheren Angaben zu den „sehr dubiosen Hintergründen“ des Anschlag – weder zur genauen Anzahl der Schüsse noch dem verwendeten Kaliber oder der Zahl möglicher Schützen. „Es gibt Zeugenaussagen, die Personen ab Tatort gesehen und Schüsse gehört haben. Und wir haben auch Projektile sicherstellen können.“ Eine Mordkommission habe die Ermittlungen bereits kurz nach dem Anschlag übernommen.

Libanesisches Anschlagopfer war im April in Messerstecherei verwickelt

Elke bestätigte gegenüber FOCUS Online jedoch, dass der Mann des libanesischen Paares, das dem Mordanschlag offenbar nur knapp entging, im April in eine Messerstecherei verwickelt gewesen war, bei der der 44-Jährige selbst schwer verletzt wurde. Nur wenige Stunden später war auf offener Straße ein 21-jähriger Libanese von zwei Angreifern mit mehreren Schüssen niedergeschossen worden. Er erlag zwei Monate später seinen Verletzungen. Zwei Täter waren Anfang Dezember in Essen für diese Hinrichtung zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass beiden, die mit dem 44-Jährigen verwandt sind und zum „El Kadi“-Clan gehören, den Mord als Blutrache für den Messerangriff auf den 44-Jährigen verübt hatten.

Clan-Kriminalität libanesischer Großfamilien, von denen eine einzige mehr als 1000 Mitglieder haben kann, beschäftigt Essens Polizeibehörden schon seit Anfang der 90er Jahre, als die ersten von ihnen ins Drogengeschäft einstiegen. Von einer „Eskalation“ der Blutfehden wollte Elke noch nicht sprechen. Ausschließen wollte er es aber auch nicht. Möglicherweise steckten andere Clans hinter dem Anschlag.

In Essen lebt mit fast 6000 Angehörigen nach Berlin die zweitgrößte Libanesen-Community in Deutschland. Es bestehen enge Verbindungen zwischen den Clans beider Städte. Viele der Libanesen leben schon länger als zehn oder zwanzig Jahre in Deutschland. Viele von ihnen sind allerdings nur geduldet, besitzen als keinen regulären Aufenthaltsstatus. Soziologen und Migrationsforscher bemängeln dies immer wieder, da diese Personen offiziell nicht arbeiten dürften in Deutschland – und so in die gesellschaftliche Isolation getrieben würden.

Polizeisprecher: „Wenn 20 Leute eine Streife bedrohen, bleibt nicht viel Zeit zum Entscheiden“

No-Go-Areas, von denen im Zusammengang mit Clan-Kriminalität vor allem in Nordrhein-Westfalen immer häufiger die Rede ist, gebe es in Essen nicht, sagt Elke. „‘No Go‘ umschreibt eine Gegend, in die sich niemand traut, und das gilt an keinem Ort für die Essener Polizei.“

Eine ganz andere Sache seien hingegen so genannte „Tumult-Delikte“, die nicht nur in Essen immer öfter auftreten. Bei diesen Vorfällen versammeln sich innerhalb kürzester Zeit plötzlich Dutzende Männer um einen Freund oder ein Clan-Mitglied, das von einer Polizeistreife kontrolliert wird. „Wenn eine Streife eine Person kontrolliert und nur ein, zwei Minuten später sich plötzlich von 20 Leuten bedroht wird, bleibt nicht immer viel Zeit zum Entscheiden“, so Elke.

Unter den „Macho-Typen“, die sich da wie aus dem Nichts zusammenfänden, seien keinesfalls nur Mitglieder der Libanesen-Clans, sondern auch andere Bürger. „Die Beamten werden zum Teil massiv bedroht. Da gibt es fast Körperkontakt, Nase an Nase, ganz besonders auch Polizistinnen gegenüber“, erläutert Elke weiter.

Drohungen und Respektlosigkeit gegenüber Polizei nehmen immer weiter zu

Wenn der Anlass etwa eine Führerscheinkontrolle sei, dann überlegten sich die Polizisten ganz genau, was sie tun können. „Es gibt nur zwei Alternativen: Gegenwehr oder Rückzug.“ Wenn es beim Gegenhalten zu einem Konflikt kommen könne, in dessen Verlauf geschossen werden könnte, zögen sich die Beamten auch mal zurück. „Ein Verletzter oder Toter steht in keinem Verhältnis zum Anlass. Dann muss der Rest eben vor Gericht geklärt werden.“

Polizeisprecher: „Wir sind so stark, wie wir sie uns haben wollen“

 Einschüchterungsversuche wie diesen wertet Elke „als klare Konfrontation gegen unser Rechtssystem“. Wenn die Polizei über mehr Personal verfügte, könnte das Rechtssystem energischer verteidigt werden. „Eine Streife gegen 20 Aggressoren reicht aber nicht aus, da brauchen wir zwei oder drei.“ Über diese Reserven verfüge die Polizei in Essen nicht.

 Dies sei ein Grund, warum kriminelle Clans immer weiter versuchten, ihr Einflussgebiet auszuweiten. „Das fängt schon im Kinderzimmer an, dehnt sich dann auf die ganze Wohnung aus, das Haus, die Straße, und am Ende vielleicht auf ein ganzes Stadtviertel“, so Elke. Wachsender Respektlosigkeit und zunehmenden Drohungen auf der Straße könne die Polizei immer weniger Gegenwehr bieten, so der Essener Polizeisprecher. „Wir sind ist so stark, wie wir uns haben wollen“.

 Quelle: Focus

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