Luxusflüchtlinge: Mit gekauftem Visum zum Asyl

Syrer aus den Golfstaaten, die dort ein ganz normales Leben führen und trotzdem als Flüchtlinge in Deutschland Asyl beantragen?

Tatsächlich sind unsere Reporter einem ausgeklügelten System auf die Spur gekommen, das genau das möglich macht: Mit einem gekauften Touristenvisum reisen die „falschen Flüchtlinge“ in die EU ein und stellen dann in Deutschland ganz normal einen Asylantrag. Warum das Ganze selten auffliegt und wieso ein Leben in Deutschland für diese Menschen so attraktiv ist.

Wir treffen schon im Sommer diese junge Syrerin in Sachsen. Sie gehört zu einem Schleppernetzwerk, das Menschen aus den wohlhabenden Golfstaaten nach Europa schleust, vor allem nach Deutschland. Dabei geht es nicht um Hilfe für Menschen, die vor Krieg und Elend fliehen. Die meisten, die diese Route nehmen, sind Iraker und Syrer. Aber sie kommen nicht aus dem Irak oder Syrien, sondern sie leben in Saudi-Arabien, in Kuwait oder im Libanon. Sie bekommen eine Einladung und eine Bürgschaft aus einem europäischen Land. Damit gehen sie in eine Botschaft und bekommen ein Visum.

Die Syrerin gibt uns die Telefonnummer eines Insiders, der in Berlin lebt. Erst nach langem Hin und Her stimmt er einem Treffen zu. Voraussetzung: Er will auf keinen Fall erkannt werden. Der Mann reiste selber mit einem Touristenvisum aus Kuwait über Polen nach Deutschland und beantragte hier Asyl. Er hat für die Chefin einer Schleuserbande gearbeitet und mit ihr Angehörige nach Deutschland geholt.

Ich habe sie über Facebook kennengelernt und sie gefragt, ob sie mir helfen kann, meinen Cousin nach Deutschland zu holen. Sie meinte, kein Problem. Das Ganze kostet 8.000 Euro. Sie brauche die Kopie des Reisepasses und eine Anzahlung von 4.000 Euro.

Insider

Dafür erhält der Cousin eine solche Einladung aus Polen, mit der er in der polnischen Botschaft in Kuwait ein Touristenvisum beantragt. Ebenso diese Bankunterlagen, die beweisen, dass seine angebliche Gastgeberin für ihn aufkommen kann. Das alles besorgt die Chefin der Schleuserbande, sagt er uns. Ihr Name steht auf allen Papieren, die uns vorliegen.

Man muss in Posen landen, nicht in Warschau. In Posen gibt es keine Kontrollen. Dort wartet dann ein Taxifahrer. Der gibt dir ein Handy und am anderen Ende ist die Chefin, der du bestätigst, dass du angekommen bist. Dem Taxifahrer gibst du dann das restliche Geld. Der besorgt dir ein Zugticket oder Auto, um dich nach Deutschland zu bringen. Mein Cousin hat einen großen Van bekommen. Sie bringen dich wohin du willst.

Informantin

Also für 8.000 Euro pro Person bekommt der Kunde die notwendigen Papiere aus Polen zugeschickt. Beantragt ein Touristenvisum für den Schengenraum und reist problemlos nach Polen ein. Von dort aus geht es dann via Zug oder Auto nach Deutschland. In Deutschland stellen die aus den Golfstaaten eingereisten Syrer und Iraker einen Asylantrag. Sie haben gute Chancen, dass er angenommen wird, wenn sie glaubwürdige Fluchtmotive angeben.

Aber warum wollen Menschen aus den Golfstaaten überhaupt Asyl in Deutschland? Wir kontaktieren via Facebook einen 32-jährigen Syrer. Er lebt seit 2009 in Kuwait. Auch er will sich mit einem Touristenvisum über Polen nach Deutschland schleusen lassen.

In Kuwait gibt es viel Arbeit, die auch gut bezahlt wird. Aber es kann sein, dass man jederzeit von hier abgeschoben wird. In Deutschland aber hält man sich ans Recht, in Kuwait dagegen herrscht Willkür. Man kann ohne Grund abgeschoben werden. Allerdings sind bis zu 8.000 Euro für die Reise über Polen nach Deutschland eine Menge Geld. Im Durchschnitt muss man drei Jahre in Kuwait arbeiten, um das Geld ansparen zu können.

Mit Hilfe von Schleppern über Polen nach Deutschland einreisen. Wer weiß davon? Zuerst kontaktieren wir das polnische Außenministerium. Jacek Biegala, Botschaftsrat in Deutschland, soll uns Auskunft geben. Offenbar erfahren die polnischen Behörden erst durch unsere Recherchen von dieser Route.

Unseren Erkenntnissen nach stehen solche Informationen im Prinzip nicht zur Verfügung. Das ist eher im Kompetenzbereich der Grenzschutzbehörde oder anderen polizeilichen Behörden in ganz Europa.

Jacek Biegala, Botschaftsrat in Deutschland

An Grenzen und Flughäfen in Deutschland kontrolliert die Bundespolizei die Einreisenden. Wenn es um Schleuserkriminalität geht, ermittelt sie gemeinsam mit anderen europäischen Polizeibehörden. Dass Menschen aus den Golfstaaten mit erschlichenen Touristenvisa für den Schengenraum in Deutschland einreisen, fiel den Ermittlungsbehörden so bisher nicht auf. Markus Pfau, Inspektionsleiter der Kriminalitätsbekämpfung, ist zuständig für ganz Mitteldeutschland.

Das Phänomen, dass diese Tatbegehungsweise, dieser Modus Operandi aus den Golfstaaten nach Europa kommt, haben wir festgestellt nicht mittels Touristenvisa, sondern mittels Aufenthaltstitel für Bildungszwecke, die erschlichen werden. Und das ist ein Phänomen, das uns seit einigen Monaten befasst.

Markus Pfau, Inspektionsleiter der Kriminalitätsbekämpfung

Eine wichtige Rolle bei den Ermittlungen spielen die Fingerabdrücke. Die werden zuerst in der polnischen Botschaft in Kuwait erfasst. Auf diese Daten können deutsche Behörden zugreifen, wenn sie einen Asylantrag überprüfen. Deswegen müsste eigentlich auffallen, wenn ein Asylbewerber mit einem Touristenvisum eingereist ist. Der Insider aus Berlin sagt uns aber, bei ihm sei das nicht aufgefallen, als er in Deutschland als Flüchtling registriert wurde.

Nein, sie haben in Schengen meinen Fingerabdruck nicht gefunden. Die Chefin des Schleppernetzwerkes hat Kontakte, über die sie die Einladungen, die Fingerabdrücke, einfach alle Daten löschen lassen kann.

Schlepper

Ermittlungen gegen Schleppernetzwerke stellen die Behörden vor erhebliche Schwierigkeiten, da sie es hier mit international agierenden Banden zu tun haben.

Darüberhinaus sprechen wir ja meist von Netzwerken, die von Staatsangehörigen getragen werden, die nicht europäisch sind, wo kulturelle Fragen eine Rolle spielen, wo es für uns als Polizei natürlich nicht in jedem Fall einfach ist, zunächst Zugang zu diesen Netzwerken zu finden und entsprechende Ermittlungsergebnisse sammeln zu können.

Markus Pfau, Inspektionsleiter der Kriminalitätsbekämpfung

Während unserer Recherchen erfahren wir von zirka 100 Personen aus den Golfstaaten, die mit Hilfe von Touristenvisa via Polen nach Deutschland gekommen sind. Dafür sind zirka 800.000 Euro an die Schlepper geflossen. Ein lukratives Geschäft.

Quelle: MDR

Kommentar verfassen