Jack London: Seewolf, Sozialist, Alphatier

Er ging unter Robbenjäger, Hobos und Austernpiraten, am Klondike schürfte er nach Gold – aber reich machten ihn seine Bücher. Vor 100 Jahren starb Jack London, der wohl abenteuerlustigste Schriftsteller aller Zeiten.

1US-90-B1916-1 (22415) Jack London vor seinem Haus / Foto 1916 London, Jack (eigentl. John Griffith L.) amerik. Schriftsteller San Francisco 12.1.1876 - (Selbstmord) Glen Ellen (Calif.) 22.11.1916. - Jack London vor seinem Haus in Glen Ellen (Calif.). - Foto, 1916. E: Jack London at his home / photo 1916. London, Jack (real name John Griffith L.); American author; San Francisco 12.1.1876 - (suicide) Glen Ellen (California) 22.11.1916. - Jack London in front of his home in Glen Ellen (California). - Photo, 1916.

Jack London vor seinem Haus / Foto 1916

 

Eine schnittige Jacht verlässt am 23. April 1907 den Hafen von Oakland in der Bucht von San Francisco. Hunderte Menschen winken. Nach Hawaii soll sie segeln. Traumhaft. Die Realität an Bord: Die „Snark“ ist ein nautischer Albtraum, schlecht konstruiert und nachlässig gebaut. Der Kapitän? Unfähig, das Schiff zu navigieren. Die Besatzung? Gebeutelt von der Seekrankheit. Und gleich der erste Sturm verwüstet den Maschinenraum.

Der Eigentümer namens Jack London steht trotzdem lächelnd an Deck. Und genießt jede Minute. „Ich weiß, das Abenteuer ist nicht tot“, schreibt London später in „Die Reise mit der Snark“. „Denn ich hatte eine lange und innige Korrespondenz mit dem Abenteuer.“

Als Kind hatte London Zeitungen verkauft, später im hohen Norden Amerikas nach Gold gesucht. Mit nicht einmal 30 Jahren gelang dem Jungen aus der Gosse der Durchbruch als Schriftsteller. Er verdiente ein Vermögen – und blieb mit Herz und Seele Sozialist. Zum Londons 100. Todestag beschreiben mit Michel Viotte und Alfred Hornung gleich zwei Autoren das Leben des literarischen Abenteurers.

Saufen, raufen, prassen

„Mein Platz in der Gesellschaft war ganz unten“, beschrieb London seine Kindheit. Geboren wurde er am 12. Januar 1876 als John Griffith Chaney in San Francisco. Seine spiritistisch angehauchte Mutter Flora hatte sich mit einem windigen Astrologen eingelassen, der eiligst floh, als sie schwanger wurde. Später adoptierte ihr neuer Mann John London den Jungen und gab ihm seinen Nachnamen.

Jack Londons Lebensgeschichte ist außergewöhnlich: Bereits als Vierjähriger kann der blitzgescheite kleine Jack Jahren lesen und schreiben. Bücher besorgt er sich aus der Bibliothek, weil die Familie am Rande des Existenzminimums lebt. „Ich las im Bett, ich las bei Tisch, ich las auf dem Weg zur Schule und auf dem Weg zurück, ich las in den Pausen, wenn die anderen Jungs spielten“, schrieb London später im autobiographisch gefärbten Buch „König Alkohol“.

Mit 14 Jahren muss er die Schule verlassen und verdient in einer Konservenfabrik zehn Cent die Stunde. Bald verlegt er sich auf eine lukrativere Nachtarbeit. Im Schutze der Dunkelheit fährt er mit Gleichgesinnten hinaus in die Bay, plündert Austernbänke, verhökert die Beute. London ist jung, stark und flink mit den Fäusten. Er säuft und rauft und prasst. Als „Prinz der Austernpiraten“ wird er eine lokale Berühmtheit.

Bald sucht London neue Abenteuer und lernt in Sacramento die „Road-Kids“ kennen: Die entwurzelten Jugendlichen reisen als blinde Passagiere an Eisenbahnwaggons geklammert durchs Land, sie leben von Bettelei und Diebstahl. London wird einer von ihnen, Spitzname „Frisco-Kid“.

Robbenjäger auf Eliteuni

Seine wahre Leidenschaft wird das Meer. 1893 heuert der junge Mann auf einem Schiff an, das zur Robbenjagd Richtung Japan ablegt. Die Gischt im Gesicht und die Gesellschaft der rauen Seeleute gefallen ihm, er lernt die Grundzüge der Navigation. Nach der Rückkehr nötigt ihn seine Mutter, einen Reisebericht bei einem Zeitungswettbewerb einzureichen. London gewinnt und erhält als Preis 25 Dollar.

Nun zieht London als „Hobo“, als Wanderarbeiter, in Güter- und Viehwaggons durchs Land. In Buffalo landet er wegen Landstreicherei im Knast; überall in den USA begegnet er Verlierern des amerikanischen Traums. Verarmte, ausgebeutete Menschen, die zu Hungerlöhnen schuften. London wird Sozialist. Und will der Armut entkommen. Tagsüber besucht er wieder die Schule und arbeitet nachts. Er hält sozialistische Reden vor dem Rathaus von Oakland. Und besteht die Aufnahmeprüfung der renommierten Universität Berkeley.

Nur ein Semester hält es der Abenteurer im Hörsaal aus, dann schifft er sich im Juli 1897 Richtung Norden ein – in Kanada ist ein Goldrausch ausgebrochen. Unter Qualen kämpft sich London mit Gleichgesinnten Richtung Klondike vor. Im Winter verkriechen sich die Männer monatelang in ihren Hütten. London liest, zecht, raucht, diskutiert über den Sozialismus.

Der Traum vom schnellen Gold ist schnell passé. London leidet unter Skorbut, seine Zähne wackeln, das Zahnfleisch blutet. Über 2000 Kilometer fährt er den Fluss Yukon herunter und reist an der Küste per Schiff gen Süden. Keine fünf Dollar bringt ihm das mitgebrachte Quäntchen Goldstaub. Für Zeitungen schreibt London seine Erlebnisse im heimatlichen Kalifornien nieder: über Eiseskälte, die unverstellte Natur, wie harte Männer dem Goldrausch erliegen.

Mit der Frau mit Boxring

Leser von San Francisco bis New York sind begeistert. Jack London, der Junge mit dem spitzbübischen Lächeln und dem großen Freiheitsdrang, ist plötzlich berühmt. In vielen Geschichten verarbeitet er seine Abenteuer, etwa in „Frisco Kid“ (1902) über einen Jungen, der unter die Piraten gerät. London erzählt nicht nur mitreißend, er kritisiert auch die bösartigen Auswüchse des Kapitalismus wie Hungerlöhne und Kinderarbeit.

Der Erfolgsautor propagiert seine sozialistischen Überzeugungen – und zugleich den Sozialdarwinismus. Die Botschaft: Nur die Stärksten überleben. Für den Sozialisten London ist die weiße Rasse überlegen. Entsprechend verwendet er das rassistische Vokabular seiner Zeit.

In Londons Bestseller „Ruf der Wildnis“ beißt der Mischlingshund Buck sich in den Eiswüsten des Nordens durch. In „Der Seewolf“ (1904) bekommt es der schiffbrüchige Bücherwurm Humphrey van Weyden mit dem beinharten Kapitän Wolf Larsen zu tun. Unvergessen die Szene aus der Verfilmung im Vierteiler mit Raimund Harmstorf, der als Larsen eine rohe Kartoffel mit der Hand zerquetscht (hier ein YouTube-Video)

Der inzwischen vermögende Autor lässt es sich gutgehen und hat die große Liebe gefunden: Seine zweite Frau Charmian, klug, selbstbewusst und schlagkräftig, steigt sogar mit ihm in den Boxring. Sie kaufen eine Farm, jeden Tag schreibt London mindestens 1000 Wörter, um seinen Lebensstil zu finanzieren. An den sozialistischen Überzeugungen hält er fest: 1902 lebt er monatelang im Londoner East End und schreibt über das Elend dort, später als Kriegsberichterstatter über den Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05.

1907 erfüllt er sich seinen größten Traum – und sticht mit der „Snark“ in See. Trotz aller Mängel schafft es die Jacht heil nach Hawaii. Während sie ausgebessert wird, erkunden die Londons die Inselwelt. London gleitet mit dem Surfbrett über die Wellen, das Ehepaar wird bei Festivitäten herumgereicht.

Mit 40 Jahren am Ende

Jack London wagt sich auch auf die Insel Moloka’i mit einer Quarantänestation für Leprakranke verschiedener Ethnien. Ihr harmonisches Zusammenleben erschüttert seine Vorurteile. Fasziniert beobachtet er, wie alle zusammen den Unabhängigkeitstag feiern. In „Koolau – der Aussätzige“ (1908) kritisiert London daraufhin den Umgang der Weißen mit den Hawaiianern.

Die Londons fahren weiter durch die Südsee, doch die Reise steht unter einem schlechten Stern. Schon nach zwei Jahren ist Schluss. Die gesamte Crew leidet an Malaria. Londons Haut ist von Geschwüren überzogen, seine Extremitäten sind angeschwollen: „Ich konnte die Reise unmöglich fortsetzen.“

Das Glück hat den Schriftsteller verlassen. Seine kleine Tochter stirbt kurz nach der Geburt, Frost vernichtet die Ernte, das neue Haus brennt ab. London ertränkt den Frust im Alkohol; Ärzte attestieren eine Niereninsuffienz. Noch einmal reisen die Londons nach Hawaii, doch sein Gesundheitszustand wird immer kritischer. Er verliert Zähne und leidet unter unerträglichen Schmerzen.

Der einst bärenstarke Jack London schafft es nicht einmal mehr auf ein Pferd. Am 22. November 1916 stirbt der große Abenteurer mit 40 Jahren an Nierenversagen, betrauert in den ganzen USA. Quelle: Spiegel

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