Find my Phone: Alles über meinen Handy-Dieb

Amsterdam. Was passiert eigentlich mit einem geklauten Handy? Ein junger Filmemacher aus den Niederlanden wollte es herausfinden: Er präparierte sein Handy, ließ es sich stehlen – und überwachte den Dieb auf Schritt und Tritt. Sein Dokumentarfilm wird jetzt im Netz heiß diskutiert.

Eigentlich ist es ein ärgerliches Erlebnis, das Anthony van der Meer auf die Idee zu seinem Film brachte. Eine Frau trickste ihn aus – mit dem sogenannten Postkarten-Trick. Der 23-Jährige war kurz abgelenkt und bemerkte nicht, dass die Dame ihm nicht nur ein Schild zum Lesen hinhielt, sondern gleichzeitig mit dem kleinen Finger sein Smartphone vom Restauranttisch klaute.

„Ein paar Minuten war das Handy noch online und ich konnte es orten“, sagt Anthony heute. „Das war so aufregend, und hat mich zu der Frage gebracht, was mit geklauten Smartphones passiert.“ Viel ärgerlicher als den Diebstahl des teuren Telefons fand Anthony nämlich, dass jetzt Fremde Zugriff auf seine ganz privaten und intimen Daten hatten.

Zufällig suchte der Niederländer zur gleichen Zeit nach einer Idee für einen Film, den er zur Bewerbung an der Filmhochschule einreichen wollte. „Das passte einfach so schön zusammen“, sagt er.

„Find my Phone“ heißt der 21-minütige Dokumentarfilm, den Anthony über sein Experiment drehte, und der bei Youtube bereits fast 500.000-mal angesehen wurde (Stand Freitagabend). Sein Inhalt ist die totale und wochenlange Überwachung des Handydiebs – denn der junge Filmemacher hatte ein Mobiltelefon so präpariert, dass es sämtliche Daten an ihn überträgt, sogar nach dem Einlegen einer neuen Sim-Karte: Kamera, Tastatur, Mikrofon, einfach alles. Nur klauen lassen musste es sich Anthony noch.

Spyware-Know-How kam aus dem Netz

„Die Leute schützen ihre PCs mit Firewalls, kleben ihre Webcams zu, aber ihr Smartphone schützen sie nicht“, sagt Anthony. „Dabei ist es eigentlich sogar ziemlich einfach, es zu hacken.“ Das Know-How dazu hat sich der Niederländer im Netz beschafft.

Als der Dieb in Amsterdam zugreift, ist das Smartphone weiter online. Anthony kann auf seinem Tablet sehen, dass der Kriminelle am Hauptbahnhof der Metropole unterwegs ist. Dann zeigt der Filmmacher, was die Spyware kann.

Das geklaute Smartphone lässt sich aus der Ferne steuern: Fotos machen, Audiodateien aufnehmen, Videos aufzeichnen, Nachrichten lesen, sehen, wen der Dieb angerufen hat. Standortverfolgung – wo man wann ist – sowieso. Die Daten bekommt der Filmemacher direkt auf sein Tablet. Auch als das Smartphone eine neue Sim-Karte bekommt, sieht er das. Jede Einstellung ist aus der Ferne nachvollziehbar. Nur wenn das Gerät offline ist, liefert es keine Daten an Anthony.

„Er sah für mich einsam aus“

Durch den Mix aus persönlichen Daten und Metadaten bekommt Anthony ein klares Bild des Diebes und baut in der Zeit, in der er ihm digital folgt, eine Art Bindung zu ihm auf. Ein Mann zwischen 40 und 45, dunkle Haare. „Am Anfang sah er für mich einsam aus. Wenn er anderen etwas getextet hat wie ‚Ich habe kein Geld für den Bus‘, hatte ich sogar Mitglied.“ Im Film hat Anthony den ausspionierten Mann immer unkenntlich gemacht.

Nach zwei Wochen geht das Telefon für längere Zeit aus. Die Tage davor reichen allerdings, um jede Menge persönliche Daten abzugreifen. Anthonys Kurzfilm ist spannend wie ein Krimi – und er enthält reichlich Brisanz, denn letztlich geht es nicht nur um Handydiebstahl, sondern auch um Datenschutz und um unsere digitale Lebensweise. Wie angreifbar sind wir eigentlich mit unserer Smartphonesucht?

In sozialen Netzwerken wie „Reddit“ diskutieren die User jetzt darüber, ob man so einen Film überhaupt machen darf: Ist es okay, einen Menschen so zu überwachen, so bloßzustellen – auch wenn es ein Krimineller ist? „Ich gebe ihnen Recht – so einen Film sollte man eigentlich nicht machen. Zumindest nicht nochmal“, sagt Anthony. „Aber ich habe meinen Punkt aufgezeigt. Es geht um Privatsphäre und Datenschutz. Die Diskussion darüber ist gut.“ Dass sich so viele Leute für seinen Film interessieren, überrascht Anthony.

Eine Fortsetzung gibt es eventuell auch: Denn Monate später geht das präparierte Smartphone in Rumänien wieder online, später dann nochmal in einem anderen europäischen Land, das der Niederländer nicht nennt. „Vermutlich hat das Smartphone jemand gekauft, der nicht weiß, dass es geklaut wurde. Ich könnte über diese Person genauso viel herausbekommen wie über den Dieb. Aber das mache ich nicht.“

Darum will Anthony die Fortsetzung erst machen, wenn das Gerät  gar nicht mehr in Gebrauch ist. Dann will er sich auf die Metadaten konzentrieren. „Auch die allein sagen schon viel über eine Person aus“.

Quelle: RP

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