Lachen über die Schwachen: Ungebildet, faul und selbst schuld? Warum die Linke die Arbeiterschaft verraten hat

Über die sogenannte Unterschicht lachen? Geht immer. In seinem Buch „Proleten, Pöbel, Parasiten“ analysiert Christian Baron, selbst Arbeiterkind, warum Linke untere Klassen so gerne abwerten.

Das Ressentiment gegenüber der sogenannten Unterschicht ist ausgeprägt. In aller Deutlichkeit vorgeführt bekam man die Herablassung in Kai Twilfers 2012 erschienenem Buch „Schantall, tu ma die Omma winken!“, einem satirisch gemeinten Bericht aus dem Leben der fiktiven Familie Pröllmann. „Die Anzahl der in die Welt gesetzten Kinder in Familien wie den Pröllmanns steigt in vielen Fällen proportional zur fallenden Quotientenkurve des Intellekts“, schreibt Twilfer. „Zusammenhängen mag das mit der Vermutung, dass zu einem Zeitpunkt, während sich der Normalbürger in der gymnasialen Oberstufe noch mit dem mathematischen Kern von Matrizen beschäftigen, Teenies wie Schantall eher mit dem wippenden Kern von Matratzen zu tun haben.“

Da ist alles da: die Abwertung, die feiste Überlegenheitsgeste, die Universalisierung der eigenen sozialen Position zur Norm („Normalbürger“). „Schantall, tu ma die Omma winken!“ wurde zum Bestseller.

Für den Journalisten Christian Baron ist Twilfers Buch ein besonders drastisches Beispiel einer zum Entertainment überführten Abneigung gegenüber sozial Schwächeren. Ungebildet, faul und selber schuld? Geht immer. In „Proleten, Pöbel, Parasiten“ versammelt er zahlreiche Beispiele, die nahelegen, dass sich auf die Unterschicht hierzulande ungehemmt verbal eindreschen lässt – in Fernsehserien wie „Familien im Brennpunkt“, aber ebenso in Kommentaren, die ihr umfassende Blödheit im Umgang mit Geld und den eigenen Kindern attestieren.

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Christian Baron:
Proleten, Pöbel, Parasiten

Das Neue Berlin, 12,99 Euro; 288 Seiten

Die Pointe des Buches aber ist, dass sich der abschätzige Blick auch bei Menschen finden lässt, die sich selbst als Linke – also einst ideell solidarisch mit der Arbeiterschaft – definieren. „Auf Partys meiner linksliberalen Freunde erlebe ich so etwas immer wieder. Manchmal streifen Gespräche auch private Themen, und einmal fragte mich einer in der Runde, wie denn eigentlich meine jüngste Nichte heiße, von deren Geburt ich ihm kurz zuvor erzählt hatte.“ Christian Barons jüngste Nichte heißt Kimberly, das Resultat: „schallendes, verächtliches Lachen“.

Auch die Teilnehmer von Marx-Lesekreisen lassen offenbar eine traumwandlerische Sicherheit erkennen, wenn es darum geht, die Insignien der Unterschicht zu erkennen. Baron betreibt eine Art essayistische Mikro-Soziologie und beschreibt die kleinen Gesten der Herablassung, die Vorlieben beim Essen, die ironische Aneignung ursprünglich „proletarischer“ Vorlieben wie dem Biertrinken – Ressentiments und Distinktionsversuche einer Mittelschicht, die sich nicht zu Unrecht selbst immer mehr von Prekarisierung bedroht sieht.

Und er erzählt von der Verleugnung der eigenen Herkunft, die nötig war, um sich an der Universität zurechtzufinden, zu promovieren und zum Journalisten werden zu können. Zu den stärksten Passagen Barons gehören vor allem diese autobiografischen. „Proleten, Pöbel, Parasiten“ erinnert in dieser Hinsicht an Didier Eribons vielbesprochene autobiografische Analyse „Rückkehr nach Reims“. Beide Bücher verbinden Selbsterlebtes mit soziologischen Exkursen: Eribon wuchs als Sohn einer Putzfrau und eines Fabrikarbeiters auf; auch Christian Barons Eltern waren Arbeiter, die Mutter ist früh verstorben, der Vater Alkoholiker.

Autor Christian Baron: die eigene soziale Herkunft zu spüren bekommen

Anja Märtin

Autor Christian Baron: die eigene soziale Herkunft zu spüren bekommen

Die Tante, bei der Baron nach dem Tod der Mutter aufwächst, und einige Lehrerinnen fördern den Jungen, der als Einziger in der Familie das Abitur macht und studiert. Heute ist Baron Feuilleton-Redakteur bei der Tageszeitung „Neues Deutschland“. Die eigene soziale Herkunft bekommt er während seines Studiums immer wieder zu spüren, transportiert als Hemmung, Unsicherheit und als Gefühl des Ungenügens, egal, ob es um Musikgeschmack oder andere Smalltalk-Themen geht.

Baron zeigt, eine weitere Parallele zum Buch von Didier Eribon, wie rigoros separiert die sozialen Welten sind, in denen sich die akademische Linke auf der einen, Arbeiter und Unterschicht auf der anderen Seite bewegen. Mit der ausschließlichen Fokussierung auf Identitätspolitik sei die Schicht, die man früher das Proletariat genannt hat, von der linken Agenda verschwunden.

All das ist schlüssig, auch weil Baron die soziale Frage nicht gegen Political Correctness und Minoritätenpolitik ausspielt, wie es derzeit so häufig passiert – sondern schlicht auf ein politisches Defizit hinweist.

Nach 1989 habe sich auch innerhalb der Linken die Idee verbreitet, dass es keine Klassen mehr gäbe. „Die verlorenen Kämpfe haben die Arbeiterschaft zerstückelt in eine noch halbwegs abgesicherte Fraktion der sich verzweifelt vor dem Absturz retten Wollenden und wild nach unten Tretenden einerseits und einer abgehängten Unterschicht andererseits, die sich als Horde von Dumpfbacken bis zur Entmenschlichung verspotten lassen muss“ – und dann im Zweifelsfall gerne auch mal AfD wählt. Quelle: Spiegel

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