Buch: „Die Nacht, die Deutschland veränderte“ – Notrufprotokolle und Interviews beleuchten Chaos bei der Polizei

Durch die Ereignisse die Kölner Silvesternacht ist eine gesellschaftliche Debatte in Deutschland ausgelöst worden, die bis heute anhält. Durch die jüngsten Gewalttaten gegen Frauen wie in Bochum oder Freiburg, die Flüchtlingen zur Last gelegt werden, wird sie aktueller denn je.

Die beiden Autoren Gerhard Voogt und Christian Wiermer haben elf Monate lang recherchiert, was in Köln bei den Übergriffen auf Frauen wirklich passiert ist. Wie konnte es dazu kommen? Wer trägt die Schuld dafür? Warum haben Polizei und Politik bei den Vorfällen versagt, was waren die unmittelbaren Reaktionen auf die Übergriffe und wie war ihre anschließende Aufarbeitung?

Voogt und Wiermer habe Zehntausende Dokumente ausgewertet und immer wieder mit Beteiligten der Nacht gesprochen – mit Opfern, Tätern, Rettern, Verantwortlichen. Erstmals, versprechen die Autoren, gewähren sie einen vollständigen Überblick über alle 1200 eingegangenen Notrufe und werten interne Polizeikorrespondenz aus. Und beleuchten neue Vorwürfe, die Opfer seien abgewiesen, ihre Anschuldigungen heruntergespielt worden. FOCUS Online veröffentlicht einige Auszüge aus dem Buch.

Der erste Notruf in dieser Nacht:

20:48 Uhr

Polizist: „Polizeinotruf.“
H.: „Guten Tag, H. mein Name. Ich rufe gerade direkt vom Kölner Hauptbahnhof an, denn es gibt hier drei Jungs, die gerade hier mit Böllern gegen andere Leute werfen. Sieht wie so nach dem Krieg aus, aber halt mit Böllern.“
Polizist: „Ja.“
H.: „Könnte da mal jemandkommen?“
Polizist: „Ja, wissen wir Bescheid. Kümmern wir uns drum.“
Anrufer: „Okay. Danke.“ Polizist: „Ja. Tschüss.“

17 Minuten zuvor hat bereits die Bundespolizei, die für das Bahnhofsgebäude und die Gleise zuständig ist, Nachricht bei den Kollegen vom Land gegeben.“Meldet Asylanten, die sich angeblich mit Raketen beschießen“, vermerkt die Leitstelle um 20:34 Uhr im Einsatzbearbeitungssystem Cebius. Aber auch den Zusatz, der die Einschätzung der Bundespolizei offenbar in der Brisanz einordnen soll: „Bisher nur eine Meldung.“ Trotz des Kollegenhinweises passiert also erst mal nichts. Der Notruf von H. ist der allererste – sehr vorsichtige – Fingerzeig eines Bürgers an die Leitstelle, mit dem auf die Lage am Dom aufmerksam gemacht werden soll. (…)

Mehr als zweieinhalb Stunden nach der ersten Warnung an die Leitstelle wird es brauchen, bis die Verantwortlichen erkennen, was sich im Schatten des Doms tatsächlich abspielt. Insgesamt vergehen knapp drei Stunden nach dem Anruf der Bundespolizei, bis sämtliche 76 Beamte der 14. Bereitschaftspolizei-Hundertschaft mit Stammsitz in Brühl plus deren neunköpfige Führungsgruppe aus den anderen Teilen der Kölner Innenstadt am Bahnhof zusammengezogen werden.

Es sind knapp 180 Minuten, die aus heutiger Sicht den Grundstein dafür legten, dass der Mob sich überhaupt entfesseln konnte. Das Fehler-Fundament für die Ohnmacht der Polizei, für das Leid der Opfer. Für die Nacht, die alles ändern sollte. Eine Nacht, in der das Einsatzprotokoll der Polizei zum Dokument des Versagens wird. Erst für 1:44 Uhr, viel zu spät, findet sich dort ein Satz wieder, der Bewusstsein für die Taten des Mobs durchblicken lässt: „Das Problem ist erkannt und in Absprache mit PF Land gehen wir jetzt massiv gegen Nordafrikaner vor.“

„Ich habe keinen einzigen Polizisten gesehen“ – Auszug aus Fallakte 339 der Ermittlungsgruppe „Neujahr“

1:03 Uhr, 1. Januar 2016, Anruf bei der Leitstelle des Polizeipräsidiums:

Polizist: „Polizeinotruf Köln.“
Jochen V.: „Guten Abend. Mein Name ist Jochen V . Ich wünsche bitte, dass die Polizei verstärkt vorkommt im, am Bahnhof, Hauptbahnhofsvorplatz. Wie die Leute dort angegangen werden von den Flüchtlingen, ist nicht mehr normal. Sollte das nicht der Fall sein, dass da Verstärkung anrückt, werde ich morgen an sämtliche Polizei, an sämtliche Zeitungen schreiben, wie das dort abgeht. Das ist nicht normal. Ich bin mit meiner Freundin dort langgegangen. Mir wird mehrfach in die Tasche gegriffen. Meine Freundin wurde zu Boden gegriffen, und ihr wurde das Handy gestohlen.“
Polizist: „Ja, da sind schon Polizeikräfte auf dem Platz. Da werde ich den Kollegen…“
Jochen V.: „Ich habe keinen einzigen am Eingang gesehen! Da ist eine Meute von 100 Leuten, die die Leute angreifen, die reingehen.“
Polizist: „Da wir nicht, äh, 120, 100, 120 oder 500 000 Polizisten dort herumlaufen haben, sondern nur einige 100, werden wir natürlich nicht überall sein können, aber auch da …“
Jochen V: „Das ist mir scheißegal. Da muss man da einfach mal…“
Polizist: „Wie reden Sie mit mir! So führe ich das Gespräch nicht weiter. Bitte reden Sie vernünftig mit mir oder gar nicht. So, wir kommen dorthin und kümmern uns. Auf Wiederhören!“

Kölner Silvesternacht: Polizistin berichtet: Strumpfhosen verhinderten Vergewaltigung

picture alliance / dpa Die Kölner Silvesternacht

Durch die Ereignisse die Kölner Silvesternacht ist eine gesellschaftliche Debatte in Deutschland ausgelöst worden, die bis heute anhält. Durch die jüngsten Gewalttaten gegen Frauen wie in Bochum oder Freiburg, die Flüchtlingen zur Last gelegt werden, wird sie aktueller denn je.

Die beiden Autoren Gerhard Voogt und Christian Wiermer haben elf Monate lang recherchiert, was in Köln bei den Übergriffen auf Frauen wirklich passiert ist. Wie konnte es dazu kommen? Wer trägt die Schuld dafür? Warum haben Polizei und Politik bei den Vorfällen versagt, was waren die unmittelbaren Reaktionen auf die Übergriffe und wie war ihre anschließende Aufarbeitung?

„Die Nacht, die Deutschland veränderte“

„Die Nacht, die Deutschland veränderte“ – Hintergründe, Fakten, und Enthüllungen zu den dramatischen Übergriffen der Silvesternacht in Köln. Autoren: Christian Wiermer, Gerhard Voogt. 208 Seiten, erscheint am 12. Dezember im Riva-Verlag, Preis: 16,99 Euro.

Voogt und Wiermer habe Zehntausende Dokumente ausgewertet und immer wieder mit Beteiligten der Nacht gesprochen – mit Opfern, Tätern, Rettern, Verantwortlichen. Erstmals, versprechen die Autoren, gewähren sie einen vollständigen Überblick über alle 1200 eingegangenen Notrufe und werten interne Polizeikorrespondenz aus. Und beleuchten neue Vorwürfe, die Opfer seien abgewiesen, ihre Anschuldigungen heruntergespielt worden. FOCUS Online veröffentlicht einige Auszüge aus dem Buch.

„Die Nacht, die Deutschland veränderte“

Riva Verlag „Die Nacht, die Deutschland veränderte“

Der erste Notruf in dieser Nacht:

20:48 Uhr

Polizist: „Polizeinotruf.“
H.: „Guten Tag, H. mein Name. Ich rufe gerade direkt vom Kölner Hauptbahnhof an, denn es gibt hier drei Jungs, die gerade hier mit Böllern gegen andere Leute werfen. Sieht wie so nach dem Krieg aus, aber halt mit Böllern.“
Polizist: „Ja.“
H.: „Könnte da mal jemandkommen?“
Polizist: „Ja, wissen wir Bescheid. Kümmern wir uns drum.“
Anrufer: „Okay. Danke.“ Polizist: „Ja. Tschüss.“

17 Minuten zuvor hat bereits die Bundespolizei, die für das Bahnhofsgebäude und die Gleise zuständig ist, Nachricht bei den Kollegen vom Land gegeben.“Meldet Asylanten, die sich angeblich mit Raketen beschießen“, vermerkt die Leitstelle um 20:34 Uhr im Einsatzbearbeitungssystem Cebius. Aber auch den Zusatz, der die Einschätzung der Bundespolizei offenbar in der Brisanz einordnen soll: „Bisher nur eine Meldung.“ Trotz des Kollegenhinweises passiert also erst mal nichts. Der Notruf von H. ist der allererste – sehr vorsichtige – Fingerzeig eines Bürgers an die Leitstelle, mit dem auf die Lage am Dom aufmerksam gemacht werden soll. (…)

Mehr als zweieinhalb Stunden nach der ersten Warnung an die Leitstelle wird es brauchen, bis die Verantwortlichen erkennen, was sich im Schatten des Doms tatsächlich abspielt. Insgesamt vergehen knapp drei Stunden nach dem Anruf der Bundespolizei, bis sämtliche 76 Beamte der 14. Bereitschaftspolizei-Hundertschaft mit Stammsitz in Brühl plus deren neunköpfige Führungsgruppe aus den anderen Teilen der Kölner Innenstadt am Bahnhof zusammengezogen werden.

Es sind knapp 180 Minuten, die aus heutiger Sicht den Grundstein dafür legten, dass der Mob sich überhaupt entfesseln konnte. Das Fehler-Fundament für die Ohnmacht der Polizei, für das Leid der Opfer. Für die Nacht, die alles ändern sollte. Eine Nacht, in der das Einsatzprotokoll der Polizei zum Dokument des Versagens wird. Erst für 1:44 Uhr, viel zu spät, findet sich dort ein Satz wieder, der Bewusstsein für die Taten des Mobs durchblicken lässt: „Das Problem ist erkannt und in Absprache mit PF Land gehen wir jetzt massiv gegen Nordafrikaner vor.“

„Ich habe keinen einzigen Polizisten gesehen“ – Auszug aus Fallakte 339 der Ermittlungsgruppe „Neujahr“

1:03 Uhr, 1. Januar 2016, Anruf bei der Leitstelle des Polizeipräsidiums:

Polizist: „Polizeinotruf Köln.“
Jochen V.: „Guten Abend. Mein Name ist Jochen V . Ich wünsche bitte, dass die Polizei verstärkt vorkommt im, am Bahnhof, Hauptbahnhofsvorplatz. Wie die Leute dort angegangen werden von den Flüchtlingen, ist nicht mehr normal. Sollte das nicht der Fall sein, dass da Verstärkung anrückt, werde ich morgen an sämtliche Polizei, an sämtliche Zeitungen schreiben, wie das dort abgeht. Das ist nicht normal. Ich bin mit meiner Freundin dort langgegangen. Mir wird mehrfach in die Tasche gegriffen. Meine Freundin wurde zu Boden gegriffen, und ihr wurde das Handy gestohlen.“
Polizist: „Ja, da sind schon Polizeikräfte auf dem Platz. Da werde ich den Kollegen…“
Jochen V.: „Ich habe keinen einzigen am Eingang gesehen! Da ist eine Meute von 100 Leuten, die die Leute angreifen, die reingehen.“
Polizist: „Da wir nicht, äh, 120, 100, 120 oder 500 000 Polizisten dort herumlaufen haben, sondern nur einige 100, werden wir natürlich nicht überall sein können, aber auch da …“
Jochen V: „Das ist mir scheißegal. Da muss man da einfach mal…“
Polizist: „Wie reden Sie mit mir! So führe ich das Gespräch nicht weiter. Bitte reden Sie vernünftig mit mir oder gar nicht. So, wir kommen dorthin und kümmern uns. Auf Wiederhören!“

„Ja, ist da keine Polizei?“ – „Zu zweit können wir hier wenig ausrichten“

21:52 Uhr (Notruf 110)

Anrufer: „Hallo, ich wollte nur kurz Bescheid sagen, am Bahnhof ist es grad hier voll am Austicken. Die schmeißen ihre Raketen auf die Leute drauf. Alle von oben nach unten. Hier ist Ausnahmezustand.“
Polizistin: „Ja, ist da keine Polizei?“
Anrufer: „Gar nichts, hier ist gar nichts vor Ort! Nichts!“
Polizistin: „Uhum.“
Anrufer: „Hier ist Ausnahmezustand. Die schießen hier Raketen. Ich weiß nicht, was hier alles rumkommt. Alles.“
Polizistin: „Ja, okay. Ja.“
Anrufer: „Einzig der RTW (Rettungswagen, Anm.) ist hier, sonst ist hier gar nichts.“
Polizistin: „Ja, alles klar.“
Anrufer: „Ausnahmezustand!“
Polizistin: „Ja, okay.“
Anrufer: „Ja, danke.“
Polizistin: „Tschüss.“
Anrufer: „Reizender Service hier.“

Es kommen nun vermehrt Meldungen über eine heftige Schlägerei an der Kathedrale rein, sodass die Leitstelle um 22:36 Uhr erneut ihre Streifenwagen anfunkt. „Wir hätten eine Hauerei auf der Domplatte, ungefähr 100 Personen.“ Der „Arnold 1145“ (eine Polizeistreife, Anm. der Red.) meldet sich zurück – mit einem Satz, der die ganze Ohnmacht beschreibt. „Nach wie vor sind da über 1000 Personen. Zu zweit können wir da wenig reißen.“

Zwischen 20 und 7 Uhr im Laufe der Nacht gehen bei der Polizei für das gesamte Stadtgebiet mit 1,07 Millionen Bürgern sowie das benachbarte Leverkusen mit seinen 160 000 Einwohnern 1267 Notrufe ein. 549 dieser 110-Anrufe lösen einen der insgesamt 873 Einsätze aus, also Reaktionen, in denen Polizisten tatsächlich ausrücken. 53 Mal ist dokumentiert, dass der Bereich rund um den Hauptbahnhof direkt betroffen ist.

Einige der Hinweise, etwa harsche Aufforderungen von Anrufern, endlich Polizisten zu schicken, finden keinen Niederschlag im Einsatzsystem eCebius, wo alles Relevante dokumentiert werden soll. In rund fünf Prozent aller Fälle kamen Anrufer wegen Überlastung der Leitungen nicht durch.

Insgesamt gibt es rund 90 Anrufe, in denen auf solche Vorfälle in Dom- bzw. Bahnhofs-Nähe hingewiesen wird, über die nach der Silvesternacht weltweit gesprochen werden wird: rücksichtsloses Abfeuern von Raketen und Böllern, Umzingeln von Passanten, Begrapschen, sexuelle Nötigung, Beklauen – nicht selten auf brutale Weise.

Es melden sich Bürger und andere Helfer, Augenzeugen und schließlich auch Opfer. Einige schildern, wie sie vom Mob bedrängt, befummelt und beklaut wurden. Die Beamten in der Leitstelle werden Ohrenzeugen von Leid, Angst, Verzweiflung.

Vertuschung nach Vergewaltigung

Köln, 1. Januar, 0:50 Uhr:

Sandra packt ihr Smartphone, ihr Parfüm, die EC-Karte, ein wenig Bargeld, ihren Personal- und ihren Behindertenausweis in die schwarze Umhängetasche. Vom Hotel aus geht sie mit Milena, Julia und Elena über die Domplatte Richtung Wartesaal. In Höhe des Fotogeschäfts oberhalb der Treppe zum Bahnhofsvorplatz versuchen sie, durch eine dicht gedrängte Menge von 100, vielleicht 200 Männern zu kommen. Genau diesen Bereich oberhalb der Domtreppe bezeichnen die Zivilbeamten der Bereitschaftspolizei für die Zeit nach Mitternacht als „rechtsfreien Raum“, als sie ihren „Erfahrungsbericht“ verfassen. Sie selbst werden mit Flaschen und Böllern beworfen.

Polizeikommissarin Stefanie S., an Silvester 24 Jahre alt, erleidet dabei ein Hämatom am rechten Oberschenkel. „Die Personen grölten in arabischer Sprache und schienen sich über den ‚Treffer‘ zu freuen“, schreiben die Zivilbeamten. Und um 0:30 Uhr wird die junge Beamtin selbst begrapscht, „mehrfach sexuell genötigt“, wie es heißt. Ihre geraubte Handtasche kann sie dem Täter wieder entreißen. In der Anzeige, die Stefanie S. nach einem Gespräch mit ihrem Chef erstatten wird, steht: „Die Unterzeichnerin drehte sich sofort um, es war jedoch aufgrund der Vielzahl an ähnlich aussehenden Männern keine Identifizierung der Täter möglich.

„Alle wurden an der Brust und ans Gesäß gefasst“

Aufgrund des Standpunktes der Beamten inmitten der Menge war es nicht möglich, eine genaue Anzahl der Tätergruppe zu definieren. Uniformierte Kräfte waren zu keiner Zeit in der Nähe und waren in anderen Aufgaben gebunden.“

Die Gruppe um Sandra wird geschubst, getrennt. Sandra nimmt über das Hörgerät das Johlen und Feixen inmitten der Silvesterböller war. Die Mädchen werden am ganzen Körper befummelt, ihre Strumpfhosen zerrissen. Sie schreien, flehen um Hilfe. An Sandras Tasche, die sie auf der rechten Schulter trägt und die Tage später – entleert um Smartphone und Geld, aber glücklicherweise noch mit Personalausweis – ein Obdachloser in einer Mülltonne unweit des Doms finden wird, wird mit Gewalt gezerrt. Die Träger reißen.

Das Polizeiprotokoll der Ermittlungsgruppe „Neujahr“ vermerkt: „Bei allen versucht, Finger in Scheide einzuführen, misslang wegen Strumpfhose. Alle wurden an der Brust und ans Gesäß gefasst. Einer Geschädigten wurden Finger eingeführt.“ Sandra kann sich losreißen, sucht nach ihren Freundinnen, rennt zum nächsten Polizeifahrzeug. „Die haben geweint, die waren aufgelöst „, erinnert sich Oliver P., Führer des zweiten Einsatzzugs, vor dem Untersuchungsausschuss an diesen Moment. Plötzlich entdeckt sie Elena, aber Julia und Milena sind noch in den Fängen des Mobs.

„Das passiert hier in Köln ständig“

Erst ein Polizist kann ein Mädchen rausziehen, das andere befreit ein zupackender Passant. „Es war ein Ausländer, der half“, sagt Sandra. Nach schier endlos wirkenden Minuten sind die Mädchen wieder zusammen und am Boden zerstört. Polizeikommissarin Sonja E. kümmert sich um die vier. Die Dienststelle der Polizeiinspektion 1 ist da schon völlig überlastet, mindestens 20 Opfer warten im Vorraum. Aber auch auf der Bahnhofswache, so erinnert sich Sandra, seien „überall weinende Mädchen und Frauen“ gewesen. Ein Polizist habe ihr dort gesagt: „Gegen solche Taten kann man nichts machen. Das passiert hier in Köln ständig.“

Sandra: „Als wir sagten, wir wollten sofort in den Zug nach Hause, antwortete er: ‚Das ist zu gefährlich, ihr bleibt die Nacht noch im Hotel‹. Ich sagte: ‚Alleine gehen wir da nicht hin.‘ Er meinte: ‚Wir dürfen nicht mitkommen‘.“ Erst der Chef habe nach einer Diskussion sein Okay zum Geleitschutz gegeben.

Um 2:26 Uhr unterzeichnet Polizeikommissarin E. die Strafanzeige und informiert die Kriminalwache. Doch erst am anderen Morgen, als sich die Mutter von Julia gegen kurz vor zehn bei der Polizei meldet und berichtet, was sie gerade am Telefon von ihrer Tochter erfahren hat, fahren Beamte in das Hotel der Mädchen, um die Kleidung wegen möglicher DNA-Spuren der Täter zu sichern. Ein Mädchen wird gynäkologisch untersucht. „Fallakte Nr. 1“ wird angelegt.

1.Januar, gegen 13:30 Uhr in Köln-Kalk:

Im KK 62, der Kriminalwache im Polizeipräsidium, klingelt kurz vor dem Schichtwechsel das Telefon von Dienstgruppenleiter Jürgen H. Es meldet sich, so erinnert sich der erfahrene Beamte, ein Mitarbeiter der Landesleitstelle in einem „sehr schroffen, in seinem sehr barschen Ton“. „Das sind doch keine Vergewaltigungen. Diesen Begriff streicht ihr. Ihr storniert die WE-Meldung und schreibt die am besten ganz neu“, sagt der Anrufer laut H. Dies sei ein „Wunsch aus dem Ministerium „. Kriminalhauptkommissar H. weigert sich, bleibt dabei, dass es Vergewaltigungen sind. Das Telefonat endet, die Meldung wird nicht verändert.

7. April, Düsseldorf, Landtag:

Am Tag zuvor hat der Kölner „Express“ über den brisanten Anruf bei der Polizei berichtet, Innenminister Jäger steht erneut unter Druck, muss vor den Abgeordneten des Innenausschusses Rechenschaft ablegen. Gab es gar eine Anweisung zur Vertuschung von ganz oben? Schon seit drei Monaten war in seinem direkten Umfeld der Einmischungsversuch bekannt, doch nachgegangen ist ihm offenbar niemand. Inzwischen sind wichtige Nachweise über Telefonverbindungen gelöscht, E-Mails rätselhafterweise nicht mehr auffindbar. Die Frage, die sich nicht nur die Opposition stellt: Soll sogar der Vertuschungsversuch noch vertuscht werden?

Als der Artikel erscheint, beeilt sich Jäger sofort, alles zurückzuweisen. Einen solchen Anruf habe es überhaupt nie gegeben, das habe sogar die Kölner Polizei so berichtet. Eine Aussage, die er später unter Wahrheitspflicht wiederholt. Kam nicht erst der Bericht über das Telefonat überhaupt von der Polizei? Noch bevor der Minister das Landtagsgebäude verlässt, relativiert er seine Aussage bereits wieder. Einem Kamerateam des WDR bestätigt er nun zumindest ein konkretes Telefonat und behauptet, es sei darum gegangen, die Vergewaltigung deliktisch einzuordnen. „Das ist nicht so klar im Strafgesetzbuch geregelt, sondern es gibt Nuancen, und dann geht es natürlich darum, das möglichst präzise in einer solchen Meldung zu formulieren, welcher Straftatbestand vermutlich zutrifft, und das ist offensichtlich erörtert worden“, behauptet Jäger.

Es sind Sätze, die nicht nur von Kennern des Sexualstrafrechts als blanker Unsinn zurückgewiesen werden, weil das Eindringen in den Körper völlig unstreitig eine Vergewaltigung darstellt, sondern bei Betroffenen Unverständnis und Wut auslösen. Sandras Vater nennt sie schlicht „einen Skandal“. Und schiebt gleich hinterher: „Ich war immer ein politisch interessierter Mensch. Das Vertrauen in die Politik habe ich nach der Silvesternacht verloren.“

Zwischenbilanz der Staatsanwaltschaft Köln

(…)

Im November 2016 zieht die Staatsanwaltschaft Köln eine Zwischenbilanz. Insgesamt sind bis dahin 1206 Strafanzeigen eingegangen, davon enthalten 509 den Vorwurf eines sexuellen Übergriffs – also von der Beleidigung auf sexueller Grundlage über sexuelle Nötigung bis hin zu versuchten oder vollendeten Vergewaltigungen. In rund einem Viertel der Gesamt-Anzeigen handelt es sich dabei um „Kombinationsdelikte“, also solche, die sowohl ein Eigentums- als auch ein Sexualdelikt beinhalten.

Gegen 326 Beschuldigte wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, davon gegen 83 – auch – wegen eines sexuellen Übergriffs. Gegen 22 Beschuldigte ist Untersuchungshaft vollstreckt worden, in 34 Fällen wurde Anklage erhoben. Für fünf Täter sind Strafbefehle beantragt worden. Die mit Abstand meisten Beschuldigten vor Gericht stammen aus Algerien und Marokko, in Einzelfällen aus dem Irak, Tunesien und Libyen. Die verhängten Strafen reichten von 480 Euro Geldstrafe für einen Diebstahl bis hin zu knapp zwei Jahren Haft wegen Raubs und gefährlicher Körperverletzung.

Die Gesamtzahl der in Strafanzeigen erfassten Opfer erstreckt sich laut Gutachter Rudolf Egg auf knapp 1000 Personen. Vor dem Amtsgericht Köln wurden lediglich zwei Täter wegen Sexualdelikten verurteilt, einmal wegen Beleidigung auf sexueller Grundlage und einmal wegen sexueller Nötigung.

„Bei den anderen drei Beschuldigten hat sich der Tatvorwurf nach Durchführung der Hauptverhandlung nicht aufrechterhalten lassen“, so Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Der Grund: „Fehlende Wiedererkennung durch Zeugen.“ In 28 Fällen ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft wegen Vergewaltigungsdelikten, allerdings gibt es in keinem einzigen einen Beschuldigten, Angeklagten, geschweige denn Verurteilten.“ (…)

Quelle: Focus

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