Bielefeld: vollgekokster Türke stirbt nach Tränengaseinsatz der Polizei – Staatsanwaltschaft untersucht Todesursache

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Tod eines drogensüchtigen Türken und dem Tränengaseinsatz durch Polizisten? Türkische Medien machen Stimmung gegen deutsche Polizei.

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 Wie berichtet, waren Streifenbeamte in der Nacht zum 16. Oktober wegen Ruhestörung in ein Sechs-Familien-Haus gerufen worden. Gastwirt Taner D. (39) hatte dort seine getrennt lebende Ehefrau (39) und die gemeinsame Tochter besucht und offenbar im Laufe des Abends Kokain konsumiert. »Deshalb bat ich ihn zu gehen«, sagte seine Witwe am Donnerstag dem WESTFALEN-BLATT. Sie sei in den Hausflur gegangen in der Hoffnung, ihr Mann werde dann die Wohnung verlassen. Das habe er aber nicht getan, sondern sehr laut zu Allah gebetet, ja, geschrien. Das habe er zuletzt immer getan, wenn er Kokain genommen habe. »Taner war dann sehr laut, aber nie gewalttätig. Ich habe den Polizisten gesagt, dass er unter Kokain steht.«

 »Er starb am 17. Oktober gegen 10.40 Uhr.«

Ihr Mann habe die Polizisten nicht in die Wohnung gelassen, und ein Polizist habe ihm durch den Türspalt mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Dann habe eine Polizistin Pfefferspray eingesetzt.

Taner D. wurde gefesselt und erlitt wenig später einen Herzstillstand. Er wurde in einem Rettungswagen wiederbelebt und kam ins Franziskus-Hospital, wo er nach Angaben seiner Frau fünf weitere Herzstillstände erlitt. »Er starb am 17. Oktober gegen 10.40 Uhr.«

Sein Tod wird von der Staatsanwaltschaft Bielefeld untersucht. Die Obduktion durch Rechtsmediziner der Uni Münster ergab bisher nur, dass die Schläge ins Gesicht nicht tödlich waren. Was den Tod des zweifachen Familienvaters ausgelöst hat, hoffen die Mediziner mit weiteren Untersuchungen zu klären.

Kokain und Pfefferspray

Kann das Zusammenwirken von Kokain und Pfefferspray zu dem Organversagen geführt haben? Eine Sprecherin der Universität Münster sagte gestern, dort seien der Rechtsmedizin keine Fälle bekannt, in denen man beide Stoffe gemeinsam als todesursächlich ausgemacht habe.

Anders in den USA. Dort berichtete die Fachzeitschrift »Forensic Toxicology« 2010, dass zwischen Januar 1993 und Juni 1995 in Kalifornien mindestens 20 Todesfälle bekanntgeworden seien, bei denen Pfefferspray und eine stimulierende Droge (Kokain, Amphetamin oder Ephedrin) involviert gewesen seien. US-Forscher gingen deshalb mit Tierversuchen der Frage nach, ob Pfefferspray die Wirkung von Kokain potenziert. In Band 28 der »Forensic Toxicology« veröffentlichten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse. Danach erhöhte der Pfefferspray-Wirkstoff Capsaicin die Sterblichkeit von Labormäusen, die Kokain bekamen, von 13 auf 53 Prozent. Bei Mäusen, die eine höhere Kokaindosis bekamen, stieg die Sterblichkeit bei Gabe von Capsaicin von 53 auf 90 Prozent.

Witwe aus Bielefeld hat Anzeige erstattet

Die Forscher erwähnen außerdem 26 Amerikaner, die etwa eine Stunde nach einem Pfeffersprayeinsatz gestorben waren. Bei 19 von ihnen habe es Hinweise auf Kokain oder andere Stimulationsdrogen gegeben. Auch in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren mehrere Todesfälle bekannt, in denen zumindest der Verdacht eines Zusammenhangs bestand.

Die Witwe aus Bielefeld hat Anzeige erstattet, um Klarheit zu bekommen. Ihre Schwägerin: »Uns geht es nicht darum, zu beweisen, dass das Pfefferspray schuld war. Aber wenn es schuld war, sollten das alle wissen.«

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld bat an Donnerstag die Rechtsmedizin Münster, im Fall Taner D. zu überprüfen, ob die Kombination Capsaicin/Kokain das Organversagen ausgelöst haben kann.

Mehrere türkische Zeitungen nutzen den Fall inzwischen, um gegen deutsche Polizisten Front zu machen. So schrieb Daily Sabah: »Polizeigewalt in Bielefeld: Totschlag an Türken«. Die Witwe distanziert sich mit Nachdruck von solchen Berichten: »Türkische Medien haben nie mit mir gesprochen.« Sie kämpft um das Ansehen ihres verstorbenen Mannes, der vor einer Woche bestattet wurde. »Natürlich war es nicht in Ordnung, dass Taner Kokain genommen hat. Aber er war ein humorvoller, toller und hilfsbereiter Mensch. Er war erst 39, und wir haben zwei Kinder, die er jetzt nicht aufwachsen sieht. Das ist doch nicht richtig!« Quelle: wb

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