Beißen Polizisten und täuschen Senioren: Ex-Polizist über Methoden krimineller Nafris

In seinem Buch „Polizei am Limit“ erzählt der Ex-Polizist Nick Hein von seiner Arbeit am Kölner Hauptbahnhof, vom Kampf mit personeller Unterbesetzung, absurden Gesetzeslücken, hilflosen Politikern und den daraus resultierenden Konflikten.

polizeiamlimit

FOCUS Online veröffentlicht exklusiv leicht gekürzte Kapitel als Vorabdruck.

Nick Hein, Jahrgang 1984, war elf Jahre bei der Bundespolizei und beendete Anfang 2015 seine Beamtenlaufbahn zugunsten seiner Sportlerkarriere. Schon mit sechs fing er mit Kampfsport an, war in der deutschen Judo-Nationalmannschaft und konnte zahlreiche Titel gewinnen. Er gibt außerdem Seminare zur Selbstverteidigung und zur Bewältigung von Konfliktsituationen.  Nun hat er ein Buch geschrieben: „Polizei am Limit“ (Erscheinungstermin 16. Dezember 2016, Rowohlt-Verlag, 224 Seiten, 9,99 Euro).

Passage aus Kapitel „Wie die kriminellen Nafris arbeiten“

Hoch über der Bahnhofshalle (im Kölner Hauptbahnhof, Anm. d. Red), im obersten Stock des Betriebstrakts der Deutschen Bahn, befindet sich der Raum, in dem die GPT, die „Gemeinsame Projektgruppe Taschendiebstahl“ der Bundes- und Landespolizei, ihre Überwachungszentrale eingerichtet hat. Von dort aus können die Mitarbeiter der GPT sämtliche Kameras steuern, die im und um den Hauptbahnhof installiert sind und so das Gebäude lückenlos im Auge behalten. Von hier informieren und koordinieren sie außerdem die verdeckten Ermittler, die im Bahnhof unterwegs sind. Ein großartiges Instrument im Kampf gegen die Kleinkriminalität, sollte man meinen – wären nur das Kamerasystem nicht restlos veraltet und die Qualität der eingefangenen Bilder so unterirdisch. (…)Wenn es allerdings jemandem gelingt, aus diesen Bildern ermittlungstechnisches Kapital zu schlagen, dann sind es die Fahnder der GPT, dieser bundesweit einzigartigen Spezialabteilung, die 2005 ins Leben gerufen wurde und damals binnen weniger Jahre die Zahl der Diebstähle am Hauptbahnhof nahezu halbieren konnte. Bis dann, Anfang der 2010er Jahre, mit der Ankunft die nordafrikanischen Taschendiebe die Zahlen plötzlich wieder dramatisch zu steigen begannen.

Aber auch hier wurde die GPT nicht müde, die Strukturen und Arbeitsweisen dieser neuen und skrupellosen Tätergruppe genau zu studieren. Ich konnte einmal miterleben, wie mein Kollege Timo 4 von der GPT im Überwachungszentrum die Bewegungsmuster eines Taschendiebes verfolgte. „Der hier, der gehört zur Champions League!“, erläuterte er trocken und deutete auf einen Mann mit Umhängetasche, der unscharf auf einem der Videomonitore zu sehen war. „Die Tasche hat ein Loch und darin hat er seine Hand versteckt. Raffiniert, was?“

Nach außen sieht es so aus, als habe der Täter die Hand in der Jackentasche und seine Umhängetasche lässig übergeworfen. Tatsächlich aber greift er durch die Löcher in Jacken- und Umhängetasche unbemerkt in die Handtaschen in der Nähe stehender Opfer. Immer häufiger, erzählte mir Timo, komme es auch vor, dass die Täter in der Bahn schlafenden Fahrgästen die Hand oder Hosentasche mit einem Rasier- oder Teppichmesser von unten her aufritzen, um an deren Geldbörse zu gelangen.

Klopfer-Trick und vorgetäuschte Einstiegshilfe

 Auch beim sogenannten Klopfer-Trick wird der Zug selbst zum Tatort: Einer der Diebe betritt den stehenden Zug, während ein anderer mit ihm auf gleicher Höhe den Bahnsteig entlanggeht. Kommt derjenige im Innern des Zuges an einem Vierersitzplatz vorbei, an dem Reisende mit vielen Gepäckstücken sitzen, veranlasst er den Komplizen draußen auf dem Bahnsteig, an die Scheibe zu klopfen. In dem Moment, in dem sich die Aufmerksamkeit der Opfer auf den Mann draußen vor der Scheibe richtet, schnappt sich der Dieb eines der Gepäckstücke und verschwindet damit.

Ein weiterer Trick ist die vorgetäuschte Einstiegshilfe, für die ebenfalls mindestens zwei Täter nötig sind. Einer bietet dem Opfer an (oft werden Ältere, gebrechliche Reisende oder Mütter mit Kindern und viel Gepäck angesprochen), ein Gepäckstück in den Zug zu tragen und bleibt dann unvermittelt stehen – angeblich, weil er nicht weiterkommt. In dem Moment, in dem das unvorbereitete Opfer auf ihn aufläuft, ist es abgelenkt, und der zweite Täter zieht ihm von hinten Portemonnaie oder Handy aus der Tasche.

Sehr effektiv ist diese Vorgehensweise auch, wenn einer der Täter auf einer Rolltreppe plötzlich den Notstopp betätigt. Viele der Tricks der Taschendiebe sind hart antrainiert und über die Zeit hinweg perfektioniert worden. Taschendiebstahl ist kein Gelegenheitsverbrechen. Um ein Opfer abzulenken und gleichzeitig unbemerkt dessen Geldbörse aus Hosen-, Jacken- oder Handtasche zu ziehen, ist ein hohes Maß an technischer Versiertheit notwendig. Das gilt auch für den sogenannten Beschmutz-Trick, bei dem die Diebe die Opfer „aus Versehen“ mit Kaffee, Milch oder Senf bekleckern und nach vielmaligen Entschuldigungen und dem eifrigen Versuch, den Schaden wiedergutzumachen und die Spritzer von der Kleidung zu entfernen, wenn schon nicht die Flecken, so doch Portemonnaie oder Handy des Betreffenden zum Verschwinden bringen.

Neuer Tätertyp am Hauptbahnhof

Die GPT hatte es nach dem Verschwinden der Sinti und Roma vom Hauptbahnhof also mit einem neuen Tätertyp zu tun, der wesentlich gefährlicher war als andere Trickdiebe und auch vor Raubüberfällen nicht zurückschreckte – meist mit Hilfe des sogenannten Antanztricks, der durch die Silvesternacht zu trauriger Berühmtheit gelangte.

Besonders im Umfeld von Discotheken oder Public Viewing Areas (z. B. während der Fußballweltmeisterschaft ) wird das Opfer unter einem Vorwand angesprochen – etwa, um zum Sieg der deutschen Fußballmannschaft zu gratulieren oder auch nur mit einem „Hey, alles klar?“ – und gleich dar auf umarmt der Täter es oder legt ihm kumpelhaft einen Arm um die Schulter. Ein Bein wird zwischen die Beine des Opfers geschoben, um es zum Straucheln zu bringen. Den Augenblick, den der Betreffende braucht, um das Gleichgewicht wiederzufinden, nutzt der Mittäter, um ihm von hinten oder von der Seite die Geldbörse oder das Handy aus der Tasche zu ziehen.

 Quelle:Focus

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